Rasterfahndung für jedermann: Facebook’s neue Funktion „Graph Search“

Möchte jemand mit mir Tennis spielen? Kennt jemand ein Restaurant in Münster? Gibt es Freundesfreunde, die in meiner Stadt leben, weiblich, single, zwischen 18 und 25 Jahren alt sind und meinen Lieblingsclub mögen?

Das alles sind Fragen, die Facebook zukünftig beantworten kann. Besonders die letzte Frage zeigt meiner Meinung nach am deutlichsten das Ausmaß der neuen Facebook-Funktion „Graph Search“. Heute wurde nach einem halben Jahr Testphase die neue Suchfunktion für alle Mitglieder freigeschaltet. Jeder, der „English (US)“ als Standardsprache einstellt, kann Graph Search nun nutzen – auch deutsche Mitglieder.

Rasterfahndung par excellence

graph-searchDie Möglichkeiten sind grenzenlos. Man kann nahezu alle Informationen, die Nutzer in Facebook angegeben haben, als Suchfilter benutzen. Das erstreckt sich vom Alter, über den Wohnort, die Religion, die Sprache, den Arbeitsplatz, die Universität, den Studiengang bis hin zum Beziehungsstatus. Doch nicht nur das, die Suchanfrage lässt sich auch noch mit betätigten Likes verknüpfen. So lässt sich mit der Suchanfrage „Female single Friends of Friends who live in Bonn and like Hausbar“ bequem herausfinden, welche Freundesfreundinnen ohne festen Freund denn gerne in den Bonner Laden Hausbar gehen. Eine neue Art des Facebook-Stalkings steht bevor, denn Rasterfahndung ist dank Facebook nun für jeden möglich und liefert die Ergebnisse auf dem Silbertablett. Na vielen Dank.

Kenne ich jemanden, der jemanden kennt, der mit mir zum Ballett gehen möchte?

Doch Facebook ist noch lange nicht zufrieden. Der leitende Ingenieur bei Facebook und für das „Graph Search“-Projekt mitverantwortliche Samuel Rasmussen geht beispielsweise gerne zum Ballett. Gleichgesinnte im kalifornischen Palo Alto zu finden war bisher eine schwierige Angelegenheit für ihn, denn kaum jemand gibt bei Facebook an, dass er etwas allgemein formuliertes wie „Ballett“ mag. Facebook muss hier quasi mitdenken und verwandte Seiten, die etwas mit Ballett zu tun haben, mit in die Suche einbeziehen. Bereits nach der sechsmonatigen Testphase findet Rasmussen weitaus mehr Personen als die zwei Personen die er zu Beginn fand. Und der Algorithmus wird stetig verbessert.

Auch Veranstaltungszusagen werden bald in die Suche integriert, sodass jemand, der häufig durch Klicken angibt, zu Ballettveranstaltungen zu gehen, auch als Suchergebnis angezeigt wird. Aber es geht noch weiter. Wenn ich zukünftig in Köln feiern gehe, kann ich mir (sobald Facebook-Events in Graph Search implementiert sind), auch schon vorher angucken, ob vielleicht Studenten, die ich bisher noch nicht kenne, die aber in Bonn wohnen und auch in meinem Studiengang sind, auch auf „Zusagen“ gedrückt haben. Erasmusstudenten könnten vorher nachschauen, ob denn jemand kommen wird der die eigene Sprache spricht. Die Möglichkeiten sind wahrlich grenzenlos.

Menschen sind vergesslich – Facebook nicht.

Man vergisst schnell, welche Seiten man eigentlich alle geliked hat. Facebook vergisst nichts. So lässt sich je nach Menge der Likes schon fast ein umfassendes persönliches Profil von jemandem erstellen. Durch Graph Search wird die Suche nach Informationen nun um einiges einfacher. Das ganze hat Tom Scott auf seinem Blog Actual Facebook Graph Searches auf die Spitze getrieben. Wie wäre es mit der Suche „Spouses of married people who like Ashley Madison“ (dt: Ehegatten von verheirateten Leuten, die eine „Betrüge deinen Partner – Dating Seite“ geliked haben) oder „Married people who like Prostitutes“ (dt: Verheiratete Leute die Prostituierte mögen) oder „Current employers of people who like Racism“ (dt: Arbeitgeber von Leuten, denen Rassismus gefällt). Auch politische Verfolgung ist nun dank Facebook möglich: „Family members of people who live in China and like Falun Gong” (dt. Familienangehörige von Leuten, die in China leben und Falun Gong [wird in China staatlich verfolgt] geliked haben). Ich kann mich nur wiederholen, die Möglichkeiten sind quasi grenzenlos. 

Das Gegenmittel: Privatsphäre-Einstellungen

Doch was hilft dagegen? Nach jeder Information, welche man als „öffentlich“ bei Facebook angegeben hat, kann theoretisch jeder, der eine Milliarde Facebooknutzer zukünftig per Graph Search suchen. Wer also schon immer mal seine Privatssphäre-Einstellungen kontrollieren wollte, der sollte das spätestens jetzt tun. Aber auch hinsichtlich der Informationen, die nur Facebook-Freunde sehen können, ist Vorsicht geboten – vor allem wenn man mehrere hundert Facebookfreunde hat. Nach wie vor gilt: Man sollte nichts in Facebook posten oder angeben, was man nicht auch in der Fußgängerzone der Heimatstadt laut herausschreien würde. 

Personalisierte Werbung in Facebook

Was kommen wird ist abzusehen. Facebook will endlich Geld verdienen und ein großes Stück vom Kuchen der Internetwerbung, welcher momentan mit 42% hauptsächlich Google gehört. Um so präziser ein Profil ist, desto leichter kann darauf zugeschnittene persönliche Werbung angeboten werden: Sie mögen Ballett? Das sind die Aufführungen in Ihrer Stadt, hier gibts Eintrittskarten. Übrigens, diese Freunde von Ihnen mögen ebenfalls Ballett, kaufen Sie doch gleich Tickets für alle.

Graph Search. Faszinierend, beeindruckend aber auch sehr beängstigend. Was haltet ihr davon? Wie immer freue ich mich sehr über Likes, Shares und Kommentare.

About Darius Torabian

Ein Blog von Darius Torabian, rund um Medienrecht, Social Media, Eventmanagement und anderes Interessantes, dass mir über den Weg läuft :)

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